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Im Bann der Engel

Christiane Gref



ISBN: 978-3-942602-08-2
Steampunk – Um Engel zu erschaffen bricht eine ambitionierte Weltverbesserin alle Gesetze. Doch Engel spielen nach anderen Regeln.

In der abgelegenen Kleinstadt Cravesbury arbeitet die Wissenschaftlerin Elena Winterstone an einem geheimen Forschungsprojekt. Doch der Erfolg lässt auf sich warten. Bis Elena hinter das Geheimnis ihrer reichen Auftraggeberin, Madame Hazard, kommt. Erst dann gelingt es ihr schließlich, mechanische Engel zu erschaffen. Schon bald muss Elena erkennen, dass ihre Schöpfungen zu einer Gefahr für Cravenbury werden. Trotzdem ist Madame Hazard nicht gewillt, ihre Experimente aufzugeben. Im Gegenteil. Verletzt und beunruhigt durch das offene Misstrauen der Stadtbewohner, zwingt sie Elena dazu, Todesengel als ihre persönliche Schutzlegion zu erschaffen. Ausgerechnet in einem dieser tödlichen Engel, dem anziehenden Amenatos, findet Elena einen Verbündeten. Gemeinsam mit ihm setzt die Wissenschaftlerin nun alles daran, ihre eigene Schöpfung unschädlich zu machen. Die neue Engel Serie bei Elysion! weitere Bände in Vorbereitung

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In der abgelegenen Kleinstadt Cravesbury arbeitet die Wissenschaftlerin Elena Winterstone an einem geheimen Forschungsprojekt. Doch der Erfolg lässt auf sich warten. Bis Elena hinter das Geheimnis ihrer reichen Auftraggeberin, Madame Hazard, kommt. Erst dann gelingt es ihr schließlich, mechanische Engel zu erschaffen.

Schon bald muss Elena erkennen, dass ihre Schöpfungen zu einer Gefahr für Cravenbury werden. Trotzdem ist Madame Hazard nicht gewillt, ihre Experimente aufzugeben. Im Gegenteil. Verletzt und beunruhigt durch das offene Misstrauen der Stadtbewohner, zwingt sie Elena dazu, Todesengel als ihre persönliche Schutzlegion zu erschaffen.

Ausgerechnet in einem dieser tödlichen Engel, dem anziehenden Amenatos, findet Elena einen Verbündeten. Gemeinsam mit ihm setzt die Wissenschaftlerin nun alles daran, ihre eigene Schöpfung unschädlich zu machen.

Die neue Engel Serie bei Elysion!
weitere Bände in Vorbereitung

Über die Autorin
Christiane Gref wurde 1975 geboren und lebt mit ihrer Familie in Hanau. Die Autorin, die seit 2005 zahlreiche Texte veröffentlicht, wurde 2008 mit dem 4. Platz des Deutschen Phantastikpreises für ihre Kurzgeschichte ausgezeichnet. 2010 ist ihr erster historischer Roman erschienen.

Leseprobe:

Prolog

Missbilligend sah Jeremias Redcliff auf die Fingerabdrücke, die sich ölig vom Ebenholzrahmen des Spieltisches abhoben. Sein Blick wanderte zum Verursacher. Es war ein Schönling mit einer Entourage von, zugegebenermaßen, sehr attraktiven Frauen. Aber der Mann machte einen Fehler. Zu viel Pomade verdarb auch das kräftigste Haar. Und den dünnen Oberlippenbart fand Jeremias abscheulich. Er seufzte und wandte sich der Bar zu.
»Was kann ich Ihnen Gutes tun?«, sprach ihn die Thekendame an und strich mit dem Zeigefinger über seine sorgfältig rasierte Wange.
»Ach Holly, da gäbe es Einiges. Aber meine Verlobte würde Ihnen die Augen auskratzen und das wäre sehr schade. Also muss ein Drink einstweilen genügen.«
Holly kicherte und stellte ein Glas Scotch vor Redcliff ab.
Seine Finger zitterten, als er das Glas hob. Er war überreizt, denn seit einigen Nächten wurde Jeremias zu den unmöglichsten Zeiten wach, sah zum Fenster seines Schlafzimmers und glaubte Schatten zu sehen.
»Es sind nur die Zweige vom Baum, die sich im Wind bewegen«, nuschelte Linda schlaftrunken, wenn er sie wieder einmal weckte und ihr von seinen Ängsten erzählte.
Aber Jeremias wusste es besser. Äste besaßen keine Flügel.
Jubelschreie und lautes Händeklatschen rissen ihn aus seinen düsteren Gedanken.
»Großartig, einfach großartig. Sie hat mir tatsächlich Glück gebracht. Komm her, Süße.«
Der Mann mit der vielen Pomade und eine brünette Dame tauschten einen langen Kuss. Der Groupier schob mit gerunzelter Stirn einen sehr hohen Stapel Jetons auf die Seite des Schönlings. Der Angestellte fing Jeremias’ Blick auf und hob entschuldigend die Schultern.
Jeremias wandte sich ab, er konnte den Anblick des selbstgefälligen Gewinners nicht ertragen.
»Holly, noch einen Scotch, bitte.«
Im Geiste überschlug er den Verlust. Es mussten an die achthundert Pfund sein, die ihn diese ölige Ratte kostete. Lumpige zwanzig Pfund hatte der Kerl eingesetzt. Jeremias hätte seine Spielbank am liebsten verlassen, doch die Aussicht auf seine nörgelnde Verlobte, mit ihren ständigen Vorwürfen, hielt ihn davon ab.
Als wäre diese Aussicht nicht bereits schlimm genug, ahnte Jeremias Übles, als sein Teilhaber schnellen Schrittes an die Bar kam, sich neben Jeremias auf einen Hocker fallen ließ und ihn mit seinem Überbiss anbleckte.
»Gute Neuigkeiten. Sie hat ihr Angebot erhöht«, sagte sein Teilhaber anstelle einer Begrüßung.
»Was soll daran gut sein?«
»Fünftausend Pfund sind doch ein Wort.«
Jeremias schlug mit der Faust auf den Tresen. Der Scotch schlug Wellen im Glas.
»Schreib es dir ein für allemal hinter die Ohren. Ich. Werde. Nicht. Verkaufen.«
Das Grinsen verschwand aus Thomas Fryes Gesicht.
Er legte Jeremias die Hand auf den Arm. »Sei kein Idiot. Ich habe den Vertrag unterschrieben. Er liegt im Büro. Schlaf noch mal eine Nacht drüber und dann gib dir einen Ruck.«
»Es geht ums Prinzip. Mein Vater hat das Casino aufgebaut. Ich kann es nicht verkaufen. Das wäre, als würde ich auf sein Grab pissen.«
»Wenn du noch länger zögerst, nimmt die Bank es dir weg.«
»Warte mal, Tom. Du hast einen Vertrag unterschrieben?«
»Es ist das Beste für uns. Ich kann kein Geld mehr in den maroden Laden stecken.«
»Jetzt pass gut auf, was Onkel Jeremias dir sagt. Du wirst ins Büro gehen und diesen Wisch zerreißen. Ist das klar?«
»Nein, dieses Mal nicht. Wenn du nicht verkaufen willst, dann zahl mich aus.«
Thomas stand auf, nickte Holly zu und ließ Jeremias allein an der Bar zurück.
»Holly, geben Sie mir die Flasche.« Jeremias deutete auf den Scotch.

Holly weckte ihn, als alles aufgeräumt war. Jeremias schmeckte Säure auf der Zunge und sah doppelt. Es ging besser, als er sich ein Auge zuhielt.
»Gute Nacht, Mister Redcliff. Schlafen Sie gut.«
»Sie auch, Holly. Sie auch«, murmelte er und verließ das Casino.
Wind fuhr im kalt durchs Haar. Jeremias versuchte, die Knöpfe seines Jacketts zu schließen und scheiterte. Also schlang er die Arme um sich und sah sich nach einem freien Dampfmobil um. Hinter ihm schloss Holly die Tür ab. Dann entfernten sich ihre Schritte.
Die hat’s gut, dachte er. Sie muss einfach nur die Treppe hoch und kann sich in ihr Bett fallen lassen.
Ausgerechnet jetzt, wo er viel zu betrunken zum Laufen war, blieb das charakteristische Schnaufen der schwerfälligen Mietfahrzeuge aus. Leer erstreckte sich die Straße vor Jeremias. Dampf quoll aus den Kanaldeckeln. Eine Ratte huschte über den Asphalt. Jeremias angelte umständlich nach seiner Taschenuhr, aber auch das Öffnen des Deckels misslang.
»Diese Schlampe, die kriegt mein Casino nicht. Die nicht!« Kurzfristig schöpfte er Kraft aus seinem Hass und setzte einen Fuß vor den anderen. Ein Geräusch ließ ihn innehalten. Zuerst fiel es ihm schwer, es einzuordnen, doch dann erinnerte er sich an den Sommerausflug mit Linda. Seine Verlobte besaß eine sehr zarte Haut und Jeremias musste immer ein Sonnensegel aufspannen, wenn sie sich im Freien aufhielten. So hatte das Geräusch geklungen. Wie das Auseinanderfalten des gewachsten Leinentuchs.
Er sah sich ängstlich um. Wieder glaubte er ein Rauschen hinter sich zu hören. Doch auch der zweite Blick, einmal um seine eigene Achse, zeigte ihm, dass niemand dort war, sogar die allgegenwärtigen Ratten hatten sich verkrochen.
In diesem Moment verflog alle Trunkenheit und Todesangst erfasste seine Eingeweide. Jeremias Redcliff schritt schneller aus, dann rannte er. Er blickte hinter sich. Niemand folgte ihm. Doch weil er versäumte den Himmel abzusuchen, sah er den Hieb nicht kommen, der seinen Kopf sauber von den Schultern trennte.
Kapitel 1

»Es ist eine Schande«, plapperte Sophia und zog den Kamm fester durch Madame Hazards Haar. »Wer wird die Spielbank leiten, jetzt, wo Mister Redcliff tot ist? Nicht, dass ich ein solches Haus jemals betreten würde, aber…«
»Dummes Ding«, fuhr Madame Hazard ihre Bedienstete an. »Willst du mir jedes Haar einzeln ausreißen? Davon abgesehen ist es nicht schade um diesen Taugenichts, er bekam, was er verdiente.«
Sophia errötete und tauschte den Kamm gegen die Bürste, die ihre Herrin bevorzugte. Die Borsten waren weich und verliehen dem feuerroten Haar einen mahagonifarbenen Schimmer.
»Du bist seit vier Wochen in meinen Diensten und warst noch nicht ein Mal aus.« Madame Hazard fixierte Sophia im Spiegel. Selbst das schlichte Kleid der Dienstbotin unterstrich die schlanke Statur mit ihren sanften Rundungen. »Mich würde interessieren, ob du es schon einmal getan hast.«
»Was getan, Madame?«
»Dich von einem Mann nehmen lassen.«
Sophias Gesicht nahm die Farbe frischer Erdbeeren an.
»Also nicht«, folgerte Madame und klatschte zweimal in die Hände. »Dann wird es aber Zeit. Vielleicht lernst du danach, deine Hände sanfter einzusetzen. Es ist nicht zu fassen, welche Schmerzen du mir mit einem simplen Kamm bereitest.«
Sophia knickste und senkte verschämt den Blick.
»Der Mann, den du gleich kennenlernen wirst, ist mein Willkommensgeschenk an dich. Du bist lange genug in meinem Haus, um die Wahrheit zu erfahren. Ich hoffe, du hast den starken Charakter, den ich in dir vermute.«

Sophia hob den Kopf und sah einen großgewachsenen Mann mit nacktem Oberkörper eintreten, der Madame Hazard ein unterwürfiges Lächeln schenkte. Er trat näher. Niemand sprach ein Wort. Selbst, wenn Sophia etwas hätte sagen wollen, sie konnte es nicht. Über den Rücken des Mannes ragten Flügel, die geformt waren, wie die der Engel, die Sophia von alten Gemälden kannte. Dennoch unterschieden sie sich, denn die des Mannes bestanden aus einem silbrigen Metall mit filigranen Verzierungen. Sie flößten Sophia Angst ein, die noch geschürt wurde, als der Mann aufhörte zu lächeln und ihr einen Blick zuwarf. Ein grausamer Zug legte sich um seinen Mund.
Madame Hazard stellte sich an die Seite des Mannes und umfasste seine Taille.
»Sophia, das ist Marcellus. Ist er nicht wunderschön? Er wird dir zeigen, was du bisher versäumt hast. Und ich möchte wetten, dass du viel Nachholbedarf hast. Wie alt bist du, mein Kind?«
»Neunzehn«, flüsterte Sophia unterwürfig.
Madame Hazard kicherte. Marcellus musterte Sophia nach wie vor ungerührt.
Sophia hatte sich oft ausgemalt, wie ihr erstes Mal sein würde. Ein liebevoller reicher Mann, der sie verwöhnte und um sie buhlte, bis sie sich ihm schließlich nach angemessener Zeit hingab. Dieses groteske Wesen gehörte nicht in ihre Fantasie.
»Er hat Flügel. Wie ist so etwas möglich?«, wandte sie sich an ihre Herrin.
»Dreh dich um Marcellus, damit sie dich ansehen kann.«
Gehorsam kehrte der Mann Sophia den Rücken zu. Sie sah, dass die Flügel mit seinem Fleisch verwachsen waren. Dicke narbige Wülste zogen sich rund um deren Wurzeln und zeugten von einer oft aufgerissenen Verletzung. Dort, wo die Wirbelsäule verlief, schimmerten schwärzliche Adern durch die Haut. Sophia streckte die Hand aus, verharrte jedoch. Sie brachte es nicht über sich, dieses Wesen zu berühren.
»Nun lasse ich euch beide allein. Marcellus, du kannst mit ihr tun, was du möchtest. Aber übertreibe es nicht. Ich brauche Sophia noch. Heute Abend muss sie der Gesellschaft aufwarten.«
Mit diesen Worten zog Madame Hazard den Mann an sich und küsste ihn lange, eine Hand um seinen Hals geschlungen, die andere wanderte zwischen seine Beine.
In das Keuchen der beiden hinein sagte Sophia: »Bitte, Madame. Ich kann das nicht.«
Madame Hazard stieß Marcellus von sich und baute sich vor Sophia auf. »Du unverschämtes Gör. Du wagst es, mein Geschenk zurückzuweisen? Gut, wie du willst. Du kannst sofort deinen Koffer packen und in die Gosse zurückkehren, aus der ich dich aufgelesen habe. Die Ratten werden glücklich sein, dich wieder zu sehen. Oder du zeigst ein wenig Dankbarkeit und lernst endlich, das Leben zu genießen.«
Sophias Augen füllten sich mit Tränen.

***

Elena Winterstone erwachte aus einem schrecklichen Albtraum. Sie träumte ihn oft und immer kamen Blut, Tränen und schlagende Flügel darin vor. Sie überlegte, seit wann sie von diesem scheußlichen Mahr gequält wurde. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Seit sie die Resultate fehlgegangener Experimente auswerten musste. Elena verfluchte das Projekt, verfluchte sich selbst, nicht vernünftig genug gewesen zu sein, das Geld abzulehnen. Dafür war sie sogar in dieses entlegene Kaff gezogen. Zwar bot die Stadt alles, was man zum Überleben brauchte, aber mehr auch nicht.
Sie ging in die winzige Kammer, die nur von einem Vorhang vom restlichen Raum abgetrennt wurde. Der Ärmel ihres dunkelgrauen Kittels ragte aus dem Porzellanbecken. Sie nahm das Kleidungsstück aus dem, von Blut, rot gefärbten Wasser und inspizierte kritisch den Stoff. Elena hängte den Kittel auf die Leine vor ihrem Fenster und hoffte, dass er trocknete, bis sie zu ihrem nächsten Dienst erscheinen musste. Die regelmäßigen Erschütterungen, die Elenas edles Geschirr in der Vitrine zum Klirren brachten, zeigten ihr, dass die Maschinen ihre Arbeit aufgenommen hatten. Die Welt war also trotz ihrer Alpträume dieselbe geblieben.

Immerhin hatte Elena so wenigstens noch genug Zeit, sich für ihren zweifelsohne langen Arbeitstag etwas zu essen zu kaufen. Sie schlenderte die Mills Road entlang, wich einem quietschenden Greifarm aus, der Zeitungen in ein Regal sortierte und betrat die Bakery.
»Guten Morgen, Steven, ich hätte gerne das Übliche.«
Der dicke Bäcker nickte ihr freundlich zu und stellte eine Tasse mit dampfendem Mokkachoc auf die Theke. Gierig schlürfte Elena den Schaum von dem heißen Gebräu. »Ah, das tut gut«, seufzte sie.
»Du arbeitest zu viel, Süße«, merkte Steven an. »Einen oder zwei Coins?«
»Gib mir zwei. Es wird spät heute.« Ein Blick auf die surrende Wanduhr im Laden zeigte ihr, dass sie sich nun doch beeilen musste.
»Was arbeitest du eigentlich? Ich meine, was kann so wichtig sein, dass du die besten Jahre deines Lebens verschwendest?«
»Bürokram«, sagte Elena. »Wird aber gut bezahlt.«
»Du kommst seit zwei Jahren fast jeden Morgen in meinen Laden und täglich werden deine Augenringe dunkler. Ich bin nur ein einfacher Bäcker, aber blöde bin ich nicht. Dir macht doch was zu schaffen – und irgendwas sagt mir, dass es kein Bürokram ist.«
»Ich darf nicht darüber reden.« Elena legte drei Münzen auf die Theke, griff nach der Papiertüte mit den süßen Fladen und verstaute sie in ihrer Stofftasche.
Steven zog kritisch die Augenbrauen hoch. »Pass auf dich auf, Süße. Wäre schade um dich.«
Elena sah ihn ernst an. »Ein ehrliches Danke, Steven. Du bist ein feiner Kerl.«

Elena betrat das triste Fabrikgebäude. Der einst rote Backsteinbau war schmutzig grau und aus dem Inneren stampften und zischten die riesigen Maschinen, die der Energiegewinnung dienten. Ein Teil des Stroms wurde tief in die Eingeweide des Gebäudes geleitet, der andere versorgte die Stadt. Elena begrüßte Jack, den halbblinden Roboter, der seinen Metallkopf so schief hielt, dass er beinahe auf der linken Schulter auflag.
»Wenn das nicht die entzückende Miss Winterstone ist«, begrüßte sie der Maschinenmann als sie nahe genug war, um erkannt zu werden.
»Wenn das nicht mein alter Kumpel Jack ist«, erwiderte Elena, wie jeden Morgen, und reichte ihm ihre Stechkarte. Jack schob sie sich in den Mund, es machte »Pling« und ein weiteres Loch gesellte sich zu den übrigen auf der Karte.
Elena ließ den Eingangsbereich hinter sich und betrat die Halle. Die Luft wurde schlagartig schwül und die von den zahlreichen Maschinen erzeugten Dampfschwaden erschwerten das Atmen. Elena steuerte die rückwärtige Wand an. Die Tür dort diente lediglich der Tarnung und verbarg die Fahrgastkabine dahinter. Elena legte den Hebel zum Tiefgeschoss um. Gehorsam rumpelte der Aufzug seinem Ziel entgegen. Unten angekommen wurde sie bereits erwartet.
»Da bist du ja endlich«, maulte Clara, ihre Assistentin und riss missbilligend die hervorquellenden Augen auf, die durch die dicken Brillengläser noch größer wirkten.
»Entschuldige, ich habe verschlafen«, log Elena.
»Es sind drei Neue reingekommen, die du dir zuerst ansehen sollst.«
»Sagt wer?«
»Der Boss.«
Elena verdrehte die Augen und folgte Clara ins Labor. Während sie lief, zog sie sich ihren Kittel über, die Henkel der Stofftasche zwischen die Zähne geklemmt. Hier unten im Labortrakt glich das Stampfen der Maschinen einem steten Herzschlag. Elena liebte es, denn es gab ihr das Gefühl, in einem lebendigen Organismus zu arbeiten. Als weniger angenehm empfand sie den dumpfen Fäulnisgeruch, der sich mit dem Duft der süßen Fladen aus ihrer Tasche vermischte. Sie beugte sich über den ersten Toten. Er lag auf dem Bauch. Aus seinem Rücken ragten scharfe Metallsplitter, gelbliche Flüssigkeit tropfte aus der Wunde. Schwarze Adern überzogen seinen gesamten Rücken. Die Hände waren zu Klauen gekrümmt, das Gesicht verzerrt.

Christiane Gref wurde 1975 geboren und lebt mit ihrer Familie in Hanau. Die Autorin, die seit 2005 zahlreiche Texte veröffentlicht, wurde 2008 mit dem 4. Platz des Deutschen Phantastikpreises für ihre Kurzgeschichte ausgezeichnet. 2010 ist ihr erster historischer Roman erschienen.

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