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Teufelskuss und Engelszunge

Emilia Jones



ISBN: 978-3-942602-16-7
Um eine verlorengegangene Seele zu retten, setzt Engel Marafella alles auf´s Spiel - sogar die eigene Unschuld.

eelzebub staunt nicht schlecht, als sich plötzlich ein Engel in die Hölle verirrt. Schnell wird ihm klar, dass sie nur dort ist, um eine verlorene Seele in den Himmel zurück zu führen. Natürlich könnte er das Problem einfach lösen, aber wo bliebe denn da der Spaß? Noch nie durfte er die Gesellschaft eines himmlischen Wesens genießen. Mit diesem Ziel vor Augen, beginnt er Engel Marafella zu umgarnen. Er führt sie aus der Hölle auf die Erde, zeigt ihr, was Lust und Leidenschaft bedeutet. Viel zu spät wird ihm klar, dass es keine Zukunft für ihn und Marafella geben kann. Dabei hat er sich längst in den Engel verliebt.

Leseprobe

Kapitel 1.

Ein Schatten fiel über Wengodians Gesicht und ließ seine roten Augen stärker erglühen als gewöhnlich. Wie eine wilde Bestie, bereit zum Angriff, hockte er in der Dunkelheit. Ein Furcht erregendes Knurren drohte sich unwillkürlich über seine Lippen zu schleichen. Gerade noch rechtzeitig hielt er sich zurück. Er wusste, dass er nicht vorzeitig entdeckt werden durfte. Dann hätte er seinen Plan nicht verwirklichen können. Oh ja, wisperte seine innere Stimme, er war bereit, und nun würde er auch nicht mehr lange warten müssen.
Wenige Schritte von seinem Versteck entfernt setzte eine strahlende, menschliche Gestalt am Boden auf. Sie wiegte sich in dem lauen Wind des hereingebrochenen Sommerabends. Tänzelnd und voller Anmut schritt sie weiter.
Wengodian unterdrückte einen Brechreiz. Er konnte den Anblick dieser Wesen einfach nicht ertragen.
So schön.
So rein.
„So dämlich“, murrte er leise und spuckte aus.
Als er sich anschließend aufzurichten begann, verursachten die morschen Knochen in seinem Körper ein widerwärtiges Knacken.
„Er ist Mein, elendes Miststück.“ Endlich erhob er seine Stimme und ließ sie einem Donnergrollen gleich über die offene Landschaft hallen. Diebisch grinsend beobachtete er, wie die weiße Gestalt erschauerte. Das Licht ihrer Flügel in der Dunkelheit zuckte nur ein einziges Mal, ehe es vollkommen erstarb. Wie ein gewöhnlicher Mensch stand sie nun da – mit ihren nackten Füßen auf dem kalten, feuchten Erdboden. In dem dünnen Kleid wirkte sie geradezu lächerlich. Ihre hübschen blauen Augen weiteten sich. Ein Ausdruck von Unverständnis lag darin.
Wengodian fühlte sich seiner Sache sicher. Die Oberen würden gegen die Unteren niemals triumphieren. Sie waren viel zu verweichlicht! Sie ließen sich von dem schlappen Befehl eines Unbekannten vollkommen aus dem Konzept bringen. – Oh ja, er konnte mit ihr spielen, wie ein Hund mit seinem Ball, lachte er in sich hinein.
Freudig schnaufend sprang Wengodian aus seinem Versteck, einem großen Holunderbusch, hervor. Schneller, als die weiße Gestalt es erfassen konnte, erreichte er sein Ziel: Einen Körper, der leblos auf dem Gehsteig vor einem Haus lag. Seine Arme waren ein wenig verdreht, denn er hatte offenbar noch versucht, seinen Sturz abzufangen.
Es war ein Mann um die vierzig, der dort einen Herzanfall erlitten hatte. Weit und breit hatte es keine Hilfe gegeben. Obwohl er für das Erreichen seines Zuhauses unter normalen Umständen nur noch Sekunden gebraucht hätte, war er allein gestorben. Unbemerkt von seiner Frau, die hinter dem Fenster zur Straße in der Küche stand und das Abendessen zubereitete.
Wengodian lachte schadenfroh, als er in die offenen Augen des Mannes starrte. Es machte beinahe den Eindruck, als flehe dieser Mensch darum, mit ihm gehen zu dürfen.
Ganz langsam löste sich die Seele, stieg auf, bis sie über dem Körper schwebte – unsichtbar für jedes menschliche Auge. Sie wirbelte in einem Strudel, zögerte, in welche Richtung sie sich wenden sollte, als hoffte sie immer noch auf Hilfe, um in den erschlafften Leib zurückkehren zu können. Im Inneren der Seele pulsierte es abwechselnd blau und gelb. Wengodian wusste, dass sie hellgelb aufleuchten würde, sobald sie bereit für ihren Aufstieg in den Himmel war.
Hätte dieser verflucht strahlende Engel in seinem lächerlichen weißen Kleidchen dort an seiner Stelle gestanden, wäre das auch sehr schnell der Fall gewesen. Aber nun, aus dem Konzept gebracht, wusste die Seele nicht, wohin sie gehörte.
Wengodian rümpfte die Nase. Die Seele war von der guten Sorte und verfügte daher über einen Geruch, den er nur schwer aushalten konnte. Er musste schnell handeln.
Aus einer Seitentasche brachte er eine bauchige Flasche hervor, öffnete den Verschluss und lockte die Seele mit süßlichen Worten an. Sie kam schneller als gedacht, und Wengodian beglückwünschte sich selbst für diese perfekte Ausführung seines Plan. Jetzt musste er nur noch zurück in die Hölle und sich vom Teufel das verdiente Lob abholen.

Kapitel 5

Marafella stellte sich auf die Zehenspitzen und reckte die Nasenspitze so weit in die Höhe wie sie nur konnte.
Als würde das etwas helfen, musste sie sich eingestehen.
Egal, ob sie weiterhin am Fluss entlang lief oder in einen der unzähligen Höllengänge hinein schritt, der Schwefelgeruch blieb konstant. Es existierte keine Fahne, der sie hätte folgen können, geschweige denn etwas anderes in der Art.
Erneut war sie versucht, den Zauberspiegel aufzuklappen und Elarius um Hilfe zu rufen. Vermutlich saß der Einsiedler-Engel vor seinem Teleskop, beobachtete ihr klägliches Versagen und amüsierte sich dabei ganz prächtig. Marafella konnte sein schadenfroh grinsendes Gesicht regelrecht vor sich sehen. Sie hatte den Spiegel hervor gezogen und drehte ihn unschlüssig in einer Hand. Doch ehe sie ihn öffnen konnte, wehte ihr der Hauch eines stechenden Gestanks um die Nase. Sie würgte.
„Mein Gott!“, entfuhr es ihr. Ein Husten schüttelte ihren schlanken Körper. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Engel fühlten nicht auf diese Weise. Die Hölle selbst musste der Auslöser für ihre Reaktionen sein, da war sich Marafella sicher.
„Ja, wen haben wir denn da?“, hörte sie eine rauchige Stimme säuseln. Die dazu gehörige Gestalt trat aus einem der dunklen Gänge heraus und lehnte sich mit einem Arm lässig gegen die Felswand.
Marafella verschlug es die Sprache. Sie hatte mit einem weiteren Knochenmann oder zumindest mit einem ähnlich grotesken Wesen gerechnet. Aber es war ein gewöhnlicher Mann, der ihr nun gegenüber stand, ein äußerst attraktiver noch dazu. Sein Gesicht wirkte zugleich düster und schön, und in seinen schwarzen Augen lag nicht die Verdammnis, die sie erwartet hätte. Er schenkte ihr einen freundlichen Blick.

Die offenkundige Verwunderung des Engels amüsierte Beelzebub. Sicher hatte sie jemand anderes an seiner Stelle erwartet. Lediglich der ihn umgebende Schwefelgeruch musste sie kurzzeitig verwirrt haben, aber dem schaffte er schnell Abhilfe. Es bedurfte nur eines Zwinkerns, schon wurde er von einem anderen, für Engel weitaus erträglicheren, Duftes umgeben. Ihr Aufatmen war förmlich spürbar.
Ihre reinweiße Schönheit versetzte Beelzebub in Erstaunen. Zum ersten Mal begegnete er einem Engel, dessen Gesicht nicht vor Streitlust verzerrt war. Denn für gewöhnlich trafen Engel und Teufel nur aufeinander um ein klärendes Gespräch über das Gleichgewicht zu führen. In all der Zeit waren sie niemals in friedlicher Absicht zusammen gekommen. Die anmutige Freundlichkeit, die dieses Wesen ausstrahlte, war für ihn eine neue Erfahrung. Außerdem gesellte sich zu seinem eigenen Erstaunen ein seltsames Verlangen hinzu. Ihm kam der Gedanken, wie köstlich es wohl wäre, diesen unschuldigen Engel zu verführen. Augenblicklich schlich sich ein verräterisches Pochen in seine Lendengegend. Er musste sich aus seiner starren Haltung lösen und ein paar Schritte gehen, um sich abzulenken.
„Bist du der Teufel? Luzifer?“, unterbrach sie das Schweigen.
Beelzebub musste lachen. „Aber nein“, sagte er. Luzifer würde niemals wie ein Landstreicher durch die Hölle wandern. Er saß die liebe lange Ewigkeit auf seinem Thron und befahl all seinen Untergebenen, sich an seiner Stelle zu bewegen. Beelzebub lachte abschätzig in sich hinein.
„Kannst du mir dann sagen, wo ich ihn finde?“ Ihre blauen Augen strahlten ihn so herrlich an, dass er die Leidenschaft in sich nur schwer unterdrücken konnte.
„Was willst du denn von ihm?“, fragte er.
„Ich bin auf der Suche nach einer Seele.“
„Hm.“ Er nickte. „Ich weiß.“
„Das ist ja wunderbar.“ Das Strahlen wurde von einem herzhaften Lächeln abgelöst, und Beelzebub hätte nicht sagen können, welches von beidem ihn mehr antörnte.
„Dann kannst du mir sagen, wo ich die Seele finde? Weißt du, ich muss sie schnell in den Himmel bringen, damit sie ihren rechtmäßigen Platz in der Ewigkeit einnehmen kann“, plapperte sie los. „Wenn ich das nicht schaffe, werde ich vermutlich niemals zurückkehren können.“ Ihr Schmollmund lud regelrecht zum Küssen ein.
„Das ist natürlich ein Problem“, schlussfolgerte Beelzebub. „Wie heißt du, Engelchen?“
„Marafella.“
Er ließ sich die Buchstaben auf der Zunge zergehen. Engel besaßen stets wohlklingende Namen, ganz im Gegensatz zu den Wesen der Unterwelt, die vordringlich darauf abzielten, Angst und Schrecken zu verbreiten.
„Und wer bist du?“, fragte sie.
„Be…öh“, unterbrach er sich. Es wäre äußerst unklug, ihr zu verraten, dass er die rechte Hand Luzifers war. Mit dieser Masche würde er sie vermutlich in einer Trillion Jahren nicht in die Kiste bekommen.
„Be-öh“, sinnierte sie unterdessen. „Also, ich weiß nicht. Ihr habt sehr seltsame Namen hier unten.“
„Ben“, sagte er. „Ich heiße Ben.“ Das konnte man als glaubhafte Abkürzung durchgehen lassen, entschied er, und zeigte ihr sein charmantestes Lächeln. Eine leichte Röte zeichnete sich auf ihren Wangen ab. Er genoss die betörende Wirkung, die er allem Anschein nach auf sie hatte.
„Nun, Ben, kannst du mir helfen, die Seele zurück zu bekommen, damit ich sie in den Himmel bringen kann?“
Unter normalen Umständen wäre das für Beelzebub überhaupt kein Problem gewesen. Aber die Seele schwirrte unkontrolliert durch die Hölle. Es war nicht leicht, wenn nicht sogar unmöglich, sie wieder einzufangen. Je länger er darüber nachdachte, umso schmerzlicher wurde ihm bewusst, dass ihm für eine solche Situation schlichtweg die Erfahrung fehlte.
„Natürlich kann ich dir helfen“, log er. Marafella war viel zu schön, um sie einfach wieder gehen zu lassen. Er wollte noch ein wenig Zeit mit ihr verbringen, sie umgarnen und verführen. Welch ein Spaß würde ihm das bereiten!
Marafella tat einen tiefen Atemzug. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie erleichtert ich bin“, sagte sie. „Dann los! Lass uns keine Zeit verlieren.“
„Sicher.“ Beelzebub nahm sie bei der Hand. Er war überrascht, wie weich sich ihre Haut anfühlte, ganz anders als seine rauen Pranken. Sicher würden sich ihre Finger auch hervorragend an seine restlichen Körperstellen schmiegen. Das hätte er gerne sofort ausprobiert, schaffte es aber, sich zu beherrschen.
„Wir gehen hier lang“, sagte er und führte sie hinein in ein Labyrinth aus Gängen, die alle gleich und doch auf eigenartige Weise anders aussahen. Er wusste, dass er die Täuschung nicht ewig aufrechterhalten konnte. Früher oder später würde sie eine Lösung erwarten, und es gab in der gesamten Hölle nur eine einzige Kreatur, die ihm da wieder heraus helfen konnte.

Seit März 2004 ist sie außerdem Herausgeberin eines Literaturmagazins im Bereich Fantasy – der Elfenschrift.

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