Buch im Shop kaufen
Bei Amazon anzeigen

Die Nachtmahr Traumtagebücher

Jean Sarafin



ISBN: 978-3-942602-14-3
Wie weit würdest du gehen, wenn du zur Bösen werden musst, um alle zu retten, die du liebst?

Liz, die seit dem Tod ihrer Eltern bei ihrer Tante lebt, kommt endlich wieder auf eine normale Schule. Doch ausgerechnet Jonah, der sinnliche Grund für Liz´ langjährigen Aufenthalt in einem Internat für Schwererziehbare, macht mit ihrem Stiefbruder gemeinsame Sache und versucht ihr erneut etwas anzuhängen. Damit kommt Liz klar ... aber schon bald geschehen wieder unheimlichen Dinge, und als die ersten Schülerinnen nicht mehr aus ihrem Schlaf erwachen, wird Liz klar, dass sie abermals handeln muss. Aber wie, wenn es einen Zusammenhang zwischen den Vorfällen und dem Erbstück ihrer Eltern zu geben scheint? Ausgerechnet diese Taschenuhr erregt die Aufmerksamkeit des begehrten Stufensprecher Elijah. Von ihm umworben und von Jonah verfolgt, wird Liz schließlich mit dem Grauen konfrontiert, über das ihre Familie seit Jahrhunderten wacht.

Taschenbuch bestellen bei [wp_cart:Die Nachtmahr Traumtagebücher:price:12.90:end]
E-Book erhältlich z.B. bei Amazon Libri [digishop id=“3″]

zum Nachtmahr Gewinnspiel! (beendet)

Liz, die seit dem Tod ihrer Eltern bei ihrer Tante lebt, kommt endlich wieder auf eine normale Schule. Doch ausgerechnet Jonah, der sinnliche Grund für Liz´ langjährigen Aufenthalt in einem Internat für Schwererziehbare, macht mit ihrem Stiefbruder gemeinsame Sache und versucht ihr erneut etwas anzuhängen. Damit kommt Liz klar … aber schon bald geschehen wieder unheimlichen Dinge, und als die ersten Schülerinnen nicht mehr aus ihrem Schlaf erwachen, wird Liz klar, dass sie abermals handeln muss.
Aber wie, wenn es einen Zusammenhang zwischen den Vorfällen und dem Erbstück ihrer Eltern zu geben scheint? Ausgerechnet diese Taschenuhr erregt die Aufmerksamkeit des begehrten Stufensprecher Elijah. Von ihm umworben und von Jonah verfolgt, wird Liz schließlich mit dem Grauen konfrontiert, über das ihre Familie seit Jahrhunderten wacht.
 
 
 
 
Über die Autorin
Jean Sarafin stammt ursprünglich aus Wellington. Mit zehn Jahren ist sie mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester Daria ins Ruhrgebiet gezogen, wo sie noch heute lebt. Gemeinsam mit ihrer Schwester, mit der sie zurzeit an einem SciFi-Abenteuer arbeitet, hat sie früh das Schreiben für sich entdeckt. “Die Traumtagebücher” ist eine deutsche Erstveröffentlichung.

Extras

Wallpaper zu Nachtmahr herunterladen.

Leseprobe

Kapitel 1

Die Wut war so intensiv, dass sie förmlich in meinen Fingern kribbelte. Es fiel mir zunehmend schwerer, sie unter Kontrolle zu halten und einen gleichmütigen Gesichtsausdruck beizubehalten.
Ich hasste den Gang, die Schüler, die wie aufgeschreckte Hühner scheinbar planlos herumliefen, den Lärm der unzähligen Stimmen und sogar den Schlüssel, den ich in der Hand hielt. Er symbolisierte meinen persönlichen Alptraum für die nächsten Schultage, -wochen und vielleicht sogar Jahre. Normalität in Form eines eigenen Spinds.
Bei dem Gedanken an die vor mir liegende Zeit ballten sich meine Hände unwillkürlich fester um das gezackte Metall. Die Entspannungsübungen, die ich in den vergangenen sechs Jahren hatte lernen müssen, halfen nur geringfügig. Wahrscheinlich war ich schon außer Übung, weil ich heute nicht – wie sonst jeden Morgen um sieben Uhr – zur Meditation gezwungen worden war. Auf Kommando ins Nirwana, ein Ding der Unmöglichkeit. Trotzdem konzentrierte ich mich. Einatmen, halten, halten, halten, und … ausatmen, warten, warten, warten und … einatmen … Ich bemühte mich darum, die Sekunden zu zählen, während ich den überfüllten Gang entlang schlenderte. Dabei wich ich rennenden Schülern aus, ignorierte das farbenfrohe Kaleidoskop der ungewohnten und freien Kleiderwahl, und wünschte mir woanders zu sein. Irgendwo anders.
Natürlich half es nichts. Weder die Atemübungen noch der Wunsch. Das mochte am schlechten Karma dieses hellgrau gestrichenen Schulflures liegen, oder an meinem eigenen. Aber aus irgendeinem Grund wirkte nicht, was sich jahrelang bewährt hatte. Meine schlechten Charaktereigenschaften regten sich und weckten noch schlechtere Gedanken. Wahrscheinlich spielte die Tatsache, dass ich auch nach zehn Minuten intensiven Suchens meinen Spind noch nicht gefunden hatte, dabei eine nicht unerhebliche Rolle. Aber auf gar keinen Fall lag es daran, dass mich alle die hektischen Schüler anstarrten, als sei ich stigmatisiert. Ihre Blicke bohrten sich in meinen Rücken, fixierten und prüften mich, schätzen mich ein und bildeten sich ein Urteil. Aber vor allem führten sie mich in Versuchung. Vielleicht sollte ich mich ganz einfach wild schreiend im Kreis drehen, um herauszufinden, ob in irgendeiner Ecke schon ein Exorzist oder die Männer mit den weißen Kitteln lauerten – bei mir konnte man schließlich nie wissen, oder?
Ich seufzte und kämpfte diese Fantasie nieder. Sollten die Kinder doch starren … darüber war ich erhaben … irgendwie … und strenggenommen hatte ich ihre Blicke ja verdient. Ich war stigmatisiert, auch wenn man es mir beim besten Willen nicht ansehen und sie es nicht wissen konnten. Dessen war ich mir sehr sicher. Ziemlich jedenfalls. Zumindest wenn nicht plötzlich auf meiner Stirn „War in den letzten sechs Jahren auf einem Internat für Schwererziehbare“ stand. Beinahe hätte ich es überprüft. Schließlich gab es ansonsten nichts, weshalb ich seltsame Blicke ernten konnte. Optisch gab es an mir nichts zu beanstanden – zumindest solange die Brandnarben an meinem linken Arm durch Stoff bedeckt waren. Ich war groß, schlank und hatte rabenschwarze, lange Haare. Vermutlich kam die allgemeine Aufmerksamkeit von dem „ist neu“ und „ist groß“. Es war nicht leuchtturmgroß, aber immer noch groß genug, um aufzufallen und die meisten Jungs abzuschrecken. Jetzt mal ehrlich … Wer möchte schon eine Freundin, bei der er eine Klapptrittleiter benötigt, um sie zu küssen? Ich fing meine Finger im letzten Moment ein, da sie sich – wie immer, wenn ich nervös war – selbständig machen wollten und versucht hatten, sich in meine Haare zu verirren … vielleicht liegt es ja doch an ihnen, dachte ich. Entgegen meines Vorsatzes fuhr ich mir nun doch durch die lange Pracht, die ich aus Protest offen trug. Welches Teeniemädchen träumte schon von langen, blauschwarzen Haaren? Jedes wollte doch blond sein, oder? Gerade deswegen trug ich sie trotzdem stolz offen. Das ergab natürlich nur einen Sinn, wenn man generell ein sehr wütender und trotziger Mensch war. Zumindest behauptete Tante Meg das. Wahrscheinlich waren meine Haare auch nur aus Protest schwarz? Eine Vermutung, die genauso wahrscheinlich war, wie die Vererbungslehre. Der entsprechend hätte ich nämlich mit einer 85% Wahrscheinlichkeit blond werden müssen, genau wie meine Mutter und eben Tante Meg. Stattdessen war ich nach der väterlichen Seite gekommen und hob mich angenehm von Meg, ihrem Mann Klaus und seinen beiden Jungs ab, die er mit irgendeiner ersten Ehefrau gezeugt hatte.
Apropos Jungs … ich beglückwünschte mich im Stillen, weil ich es geschafft hatte, David schon seit geschlagenen fünfzehn Minuten aus dem Weg zu gehen. Obwohl wir jetzt auf derselben Schule waren, empfand ich die Tatsache des Nicht-Begegnens als guten Anfang, der sich gerne zum Durchschnitt entwickeln konnte.
Das schrille Klingeln der Schulglocke schreckte die starrenden, neugierigen und gibbelnden Mitschüler auf und ich konnte nicht länger so tun, als sei ich in einem Paralleluniversum. Mein Aufsehen beendete meine Glückssträhne. Oder Pechsträhne, wenn man als Bemessungsfakt zugrunde legte, dass ich meinen Spind immer noch nicht gefunden hatte. Nach einem weiteren, festen Griff um den Schlüssel, der die kleinen Metallzacken tiefer in meine Haut drückte, entschied ich auf Glück. Immerhin hatte ich die Nummer 333 und nicht die 666 zugewiesen bekommen. Und jetzt lehnte von den knapp 400 Schülern der Green Falls High ausgerechnet der Schüler, den ich auf gar keinen Fall treffen wollte, am Anfang der Spindreihe, die meinen aktuellen Berechnungen zufolge mein neues Schulzuhause beherbergen musste. Natürlich konnte ich mich irren, schließlich hatte ich mich schon bei den fünf Spindreihen zuvor geirrt. Aber Davids Anwesenheit war ein Indiz. Manchmal nennt man mich auch Sherlock-Liz.
Trotz des flauen Gefühls in meiner Magengegend wurde ich nicht langsamer und schaffte es sogar, ein Lächeln auf mein Gesicht zu zaubern. Ich nickte David und seinen rot-weiß gekleideten Footballfreunden im Vorbeigehen zu. Dabei tat ich so, als gäbe es nichts, vor dem ich Angst hatte. Das war neben der Wutkontrolle eh meine älteste Freizeitbeschäftigung. Und eine gute Ablenkung war es zudem. So konnte ich die aufmerksamen Gesichter der Jungs übersehen. Sie betrachteten mich nicht wie die anderen Schüler, die nur Gerüchte gehört haben konnten. Eher mit einer gewissen interessierten und wissenden Herablassung.
David selbst tat wie gewöhnlich so, als existiere ich nicht. Manchmal konnte er Tage damit verbringen, nicht mit mir zu reden und einfach nur anwesend zu sein und stoische Ruhe auszustrahlen. Er wirkte dann immer so, wie ich mir die Palastwache vor dem Buckingham Palace vorstellte. Ich versuchte dann oft ihn aus dem Konzept zu bringen. Ein komplett nutzloses Unterfangen, denn wenn es mir gelang, war er hinterher erst recht sauer. Trotzdem war es mein drittes Lieblingshobby – schließlich wollte ich nicht, dass er immerzu grundlos auf mich sauer sein musste. Wenn, wollte ich es auch verdient haben. Auch jetzt. Kurz war ich versucht, ihm vor das Bein zu treten. Einfach so, ohne einen anderen Anlass, als seine Anwesenheit. Dann gewann meine Vernunft die Oberhand. Nicht die zweite Chance versauen, einatmen, ausatmen einatmen … ich seufzte leise, als ich die 333 fand – auch wenn jemand in leuchtend roter Schrift 666 draufgepinselt hatte.
„Kindergarten!“, murmelte ich laut genug, damit es auch jeder auf dem Flur hören konnte. Dabei war David ein Jahr älter als ich und mal ganz ehrlich: Originell ging anders.
Mein Gesichtsausdruck blieb ungerührt, auch wenn inzwischen einige Schüler die Klingel ignorierten und stehenblieben, um zuzusehen, wie ich mich meinem Spind näherte. Nämlich vorsichtig, sehr vorsichtig.
Schräg neben der Tür stehend, war ich überrascht, dass der Schlüssel nicht nur passte, sondern sich das Schloss auch problemlos bedienen ließ. Nicht überrascht war ich von dem Ballon mit roter Farbe, der beim Öffnen der Tür aus dem Spind schoss. Ich mochte schwererziehbar sein, oder paranoid und gestört, wie David oft genug meinte, aber ich war nicht dumm.
Ein neugieriges Mädchen, das sich zu nah am Spind aufgehalten hatte, war da anderer Meinung. Sie funkelte mich böse an und murmelte etwas, was wie ein unschöner Fluch klang. Ihre schönen langen Haare – natürlich blond – waren nun rotverklebt. Trotzdem fand ich, dass sie schon allein wegen dieses Fluches verdiente, was ihr zugestoßen war. Wer solche Flüche kannte, konnte nicht unschuldig sein. Dasselbe galt im Großen und Ganzen auch für Blondinen.
Aber jetzt waren 70% ihrer Haare farbig und das unbekannte Mädchen offiziell rothaarig. Deswegen schenkte ich ihr ein entschuldigendes Lächeln. Ihre Reaktion verblüffte mich. Sie zuckte zurück und lief unter dem verhaltenen Gelächter der Footballspieler und anderen Gaffer in die Richtung, in der ich die Toiletten vermutete.
Da die öffentliche Aufmerksamkeit abgelenkt war, nutzte ich meine Chance und linste ins Innere des Spinds. Wie vermutet stand dort eine kleine Schleuder, ferngesteuert. Ein einziger Schuss? Erbärmlich!
Ich zog das kleine Spielzeug aus dem Halbdunkeln und ließ es direkt vor mir auf den Boden fallen. Der magische Trick namens Erdanziehung verwandelte das teure Kleinod in Schrott.
„Hei, es gibt Abfalleimer!“ Trotz der melodischen Stimme war die Herausforderung in den Worten beinahe greifbar und ich hatte Probleme, meine unbeteiligte Miene beizubehalten. Soviel zu meinem Pokerface.
„Ich weiß …“ Ich nahm die zweite Hälfte des Spindinnenlebens an mich und drehte mich zu David um, der seine lässige Position aufgegeben hatte. Einige meiner neuen Mitschüler waren clever genug, augenblicklich das Weite zu suchen.
„Schade, dass du das nicht bedacht hast, bevor das Zeug in meinem Spind platziert wurde.“ Ungerührt von seinem Näherkommen, ließ ich auch die Bücher, die den Abschusswinkel erhöht hatten, auf den Boden fallen. Trotzdem fiel es mir schwer, David selbst zu ignorieren. Schließlich war er so dicht bei mir stehen geblieben, dass er mich beinahe berührte. An sich nichts Dramatisches, aber was für den einen nicht-dramatisch war, war für den anderen eine Drohgebärde. Ich hasste es, wenn mich Leute dazu zwangen, zu ihnen aufzusehen – und aufsehen musste ich, da ich ihm nur bis zum Kinn reichte und meine Nase in Normalposition fast gegen seine muskulöse Brust stieß.
„Was willst du damit sagen?“ Die Betonung seiner Worte hätte gereicht, einen Krieg zwischen Nationen zu provozieren.
Aber anscheinend begannen meine Übungen nun doch zu wirken. Ich trat einen Schritt zurück, um nicht nur David, sondern auch seine Freunde zu mustern. „Pass auf, David. Weder bin ich blöde, noch gerne hier und es wäre mir ganz lieb, wenn du nicht mir die Schuld gibst. Wenn deine Eltern …“
„Lass die beiden aus dem Spiel“, unterbrach er mich und brachte mich zum Lächeln. Dieses Mal war es sogar ehrlich. Er hasste es, wenn ich betonte, dass SEINE Eltern MEINE Stiefeltern waren. Deswegen wiederholte ich es noch einmal expliziter und genoss jede Sekunde seines Zorns. „Also wenn Tante Meg und Onkel Klaus der Meinung sind …“
„Das hat nichts mit den beiden zu tun.“ David überbrückte den Abstand zwischen uns und brachte mich wieder in die gefährliche Höhe seiner Brust. „Das hier ist zwischen dir und mir!“
Einatmen, ausatmen … Ich bin ein guter Mensch, om … Beinahe glaubte ich mir selbst.
„Du benimmst dich kindisch!“, behauptete ich mit der gesamten selbstbeherrschten Ruhe, die mir zur Verfügung stand. Dabei betete ich stumm zu allen Göttern und schloss sogar verschiedene Religionen in meine Wünsche mit ein. Und tatsächlich trat David einen Schritt zurück. Sein Blick, eben noch herausfordernd herablassend, wurde weicher. Er erinnerte mich an den David, den ich einmal mehr gemocht hatte, als mir jetzt lieb war.
„Vielleicht hast du Recht?!“ Er klang versöhnlich und warf seinem rot-weißen Gefolge einen Blick zu. Sie blickten verwirrt zurück.
Das zweite Klingeln schreckte mich auf. Wenn David nicht bald ging, würde ich zu spät kommen. Ausgerechnet!
„Hei, Liz!“
Ich hatte nicht gemerkt, dass ich mich bereits sehnsüchtig gen Spind gedreht hatte. Der erste Fehler. Der zweite war, auf den Ruf zu reagieren. Die Farbe traf mich vollkommen unvorbereitet. Dass es keine zweite Falle gewesen war, sondern David den Farbballon geworfen hatte – vor Zeugen – schockierte mich. Unfähig mich zu bewegen, starrte ich meinen Stiefbruder an und fühlte einen Moment lang nichts. Gar nichts. Zeitverzögert traf mich die Tat psychisch – mehr, als es ein Schlag ins Gesicht gekonnt hätte – und sekundenlang rang ich um Fassung. Es gab nichts mehr schönzureden, keine Ausreden wie sonst. David machte ernst und offensichtlich waren ihm Kollateralschäden ebenso egal wie eine Strafe.
Bevor ich die veränderte Situation einordnen und mich aus meiner Lähmung lösen konnte, trat er wieder an mich heran.
„Ich werde dir die Zeit hier zur Hölle machen. Du wirst dir wünschen, du wärst in Saint-Blocks geblieben.“ Seine Stimme war drohend. Er flüsterte so nahe an meinem Ohr, dass ich normalerweise zusammengezuckt wäre. Zum Glück war ich noch immer erstarrt. Wie durch Watte gefiltert, nahm ich die triumphierenden und beglückwünschenden Rufe der Spieler war, die ausnahmslos ihrem Quarterback David galten. Als ich mich endlich aus der Starre lösen konnte, war er bereits wieder zu seinem Team zurückgekehrt.
„Wünsche ich mir doch schon!“, brüllte ich ihm hinterher. Schon seit Wochen. Seit ich erfahren hatte, auf welcher Schule ich meine Chance zur Rehabilitation bekommen würde.
Natürlich war mein Brüllen vergeblich, David hörte nicht zu, hatte er nie.
Mehr frustriert als wirklich wütend, stopfte ich die Bücher, die ich in der nächsten Stunde nicht brauchen würde, in den Spind. Dann sperrte ich wieder ab. Gleich morgen würde ich mir ein neues Schloss besorgen und gegen die erste Schulregel verstoßen müssen. Meine Finger schlossen sich wieder fester um den kantigen Schlüssel, während ich in dieselbe Richtung ging, die das blonde Mädchen genommen hatte. Einige kichernde Nachzügler verschwanden in den Schulzimmern, bis ich allein und ziemlich rot auf dem eben noch sauberen Flur zurückblieb und mich fragte, wie um alles in der Welt mein erster Schultag so hatte aus dem Ruder laufen können.
Karma, daran musste es liegen.

Leseprobe 2

Einatmen, halten, halten, halten … ausatmen, halten … Ich versuchte meine Angst und die Aufregung zu unterdrücken. Doch mein Herzschlag klang so laut in meinen Ohren, dass er die anderen Geräusche um mich herum übertönte. Wenn ich die Augen schloss, nahm das Schlag-Schlag meine gesamte Wahrnehmung in Anspruch und es schien unmöglich, dass niemand anderes diesen Laut hören konnte. War es aber, deswegen verharrte ich reglos in meiner kleinen Nische und bemühte mich darum, möglichst unauffällig zu sein. Eine Eigenschaft, die ich perfektioniert hatte – zumindest bis vor fünf Minuten.
Seit diesen fünf Minuten stand ich in einem Schatten, der so finster war, dass allein das Fehlen von Licht schon gereicht hätte, mich nervös zu machen. Doch manchmal musste man über seinen Schatten springen – welch blödes Wortspiel – und mit der Dunkelheit klarkommen. Trotzdem zitterte ich wie Espenlaub und konnte nur noch sehr flach atmen.
Aber es schien zu funktionieren. Die anderen Schüler stürmten an mir vorbei, ignorierten mich in Gruppen und tauschten sogar geflüsterte Geheimnisse in meiner Hörweite miteinander. Selbst Rebecka und die Dunkelhaarige schienen keinerlei Notiz von mir zu nehmen. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, David zu gefallen, der mit ihnen Richtung Klassenzimmer flanierte. Der Anblick ihrer ebenmäßigen Gesichter, die Lippen zu einem modelmäßigen Lächeln verzogen, genügte, um mich von der Finsternis abzulenken. Sogar meine Angst verschwand und machte einem Gefühl Platz, das ich nicht ergründen konnte und wollte.
Dieses Mal ignorierte ich das Klingeln absichtlich. Ebenso den Drang aus der Finsternis zu fliehen und mich den anderen Schülern anzuschließen. Bewusst verdrängte ich den Gedanken daran, dass ihre Gegenwart Schutz bot und konzentrierte mich auf die Wut, die ich seit meiner Ankunft in der Schule in meinem Innersten brodelte. Sie war verschwunden. Na toll!
Dabei war ich doch gar nicht diejenige, die Schutz benötigte. Ich legte mehr Gewissheit in den Gedanken hinein, als ich empfand, und erinnerte mich daran, dass ich diejenige war, die im Schatten stand, diejenige, die lauerte. Es half trotzdem nur bedingt. Einatmen, halten, halten, halten, und … ausatmen, warten, warten, warten und … langsam übernahm wieder das Adrenalin die Oberhand und versetzte mich in eine Art Hochspannung. Ich wich tiefer in die Nische zurück. Nur für den Fall der Fälle.
Er trat nicht ein. Niemand schaute überhaupt in meine Richtung. Nicht der strohblonde Klassenclown, mit dem ich Mathe gehabt hatte und der seine Nase in die gefärbten Haare seiner Freundin grub, nicht die Cheerleader in ihren rot-weißen Kostümen und auch nicht die Gang der Wir-sind-so-verwahrlost-dass-es-schon-wieder-cool-ist. Alle strömten an mir vorbei und in ihre Unterrichtsräume. Langsam leerte sich der hellgraue Gang und gab den Blick frei auf die Spindreihe. Erst jetzt bemerkte ich, wie abenteuerlich einzelne Fächer gestaltet waren. Offensichtlich galt bei einigen: Individualität gegen die Norm. Gegen die farbenfrohen Portraits, Graffiti oder Collagensammlungen war meine „666“ noch harmlos.
Der letzte Schüler, der in Sichtweite gewesen war, ging in den Raum, in dem ich jetzt auch sein sollte. Das Zufallen der Tür klang in dem leeren Flur sehr laut. Es machte mich nervös. Aber nicht halb so nervös, wie es die plötzliche Stille tat.
Trotzdem widerstand ich der Versuchung, meinen Stundenplan hervorzukramen. David war bereits gegangen, es gab keinen rationalen Grund, meine Stunden mit seinen zu vergleichen, um ihm nicht über den Weg zu laufen. Ein Vergleich wäre lediglich eine irrationale Übersprunghandlung, um meine Nervosität zu überspielen. Außerdem konnte mich jedes Geräusch verraten. Ich schluckte bei dem Gedanken und versuchte mein Herz zum leiser Schlagen zu animieren. Erfolglos.
Dabei musste er schon in Hörweite sein!
Ich schloss kurz die Augen und schickte ein letztes Stoßgebet gen Himmel, während die Geräusche näher kamen. Beim zweiten Läuten – dem Beginn des Unterrichtes – trat ich um die Ecke. Und war beinahe so schockiert, wie die drei anderen Schüler. Obwohl ich auf mein Gegenüber vorbereitet gewesen war, benötigte ich eine Sekunde, um mich von seinem Anblick zu lösen. Seine hellen, blauen Augen waren immer noch so unglaublich, sein Blick ebenso angsteinflößend wie damals. Es gab kein Vertun. Den Grund für meinen Aufenthalt in Saint Blocks hätte ich auch nach dreihundert Jahren und im siebten Kreis der Hölle wiedererkannt.
„Hallo, Arschloch!“ Obwohl seine Begleiter von den drei Footballspielern die deutlich größeren und massigeren waren, war der größte Teil meiner Aufmerksamkeit auf den Schwarzhaarigen gerichtet. Ein kleiner Teil meiner Selbst war plötzlich wieder zehn Jahre alt und eingeschüchtert, während ein anderer jede Veränderung an ihm registrierte, die langen dunklen Wimpern, die Größe, die breiten Schultern … und … ich unterbrach meine Beobachtungsgabe und trat einen Schritt näher, bevor Jonah reagieren konnte.
„Wir müssen etwas klären!“
„Meine Güte, die Kleine hat Mumm oder?“ Dominique schenkte mir ein fettes Grinsen, was sich auf seinem ebenso fetten Gesicht nicht gut machte. Es erinnerte an ein Michelin-Männchen.
„Ich denke eher, sie ist verrückt!“ Paul stemmte seine Arme in die Hüfte, um das Augenmerk auf den Umfang der Muskeln zu richten. „Lauf!“, forderte er.
Ich konnte spüren, wie mein rechter Mundwinkel nach oben zuckte. Mein Blick glitt wieder zurück zu Jonah und wieder schlugen mich seine Augen in den Bann. Schade, dass sie zu einem Irren gehörten.
„ICH werde nicht laufen!“
Meine Stimme klang genauso selbstsicher, wie ich mich inzwischen fühlte. Ein Hochgefühl hatte von mir Besitz ergriffen und prickelte durch meine Adern. Adrenalin pulsierte darin mit und die Gewissheit, die Oberhand zu haben.
„Weißt du, was mit kleinen Mädchen passiert, die auf unserer Liste stehen?“ Dominique bewegte sich so zur Seite, dass er mir den Weg zu den Klassenräumen abschnitt – und sich selbst jede Fluchtmöglichkeit versagte.
Es dauerte einen Augenblick, bis ich begriff, dass das Lachen aus meinem Mund kam. Vitalität und Erleichterung verwandelten sich in befreiende Laute. Der Gesichtsausdruck der beiden Jungs wechselte von drohend zu verwirrt. Nur Jonah reagierte nicht, sondern sah mich weiterhin mit einem Ausdruck an, den ich nicht deuten konnte. Enervierend.
„Hat David euch nicht gewarnt?“ Die Selbstsicherheit in meinen Worten ließ Dominique einen Schritt nach vorne machen.
Jonah stoppte ihn mit einer Handbewegung.
„Wir wollen doch nicht, dass jemand verletzt wird, oder?“ Seine Stimme war tiefer und weicher als ich sie in Erinnerung hatte. Beherrscht. Selbst ohne die Geste wäre jedem sofort klar gewesen, wer von den dreien die ranghöchste Position innehatte. Es mochte den beiden fülligen Best-Buddies nicht bewusst sein, aber ihre Instinkte bemerkten es. Dominique nickte, offensichtlich zufriedengestellt. Aber er konnte ja auch nicht sehen, wen Jonah geschützt hatte. Trotz seines lakonischen Lächelns, das mir galt, war der Schwarzhaarige der einzige von den dreien, der mich nicht unterschätzte.
Seine nächsten Worte belehrten mich eines Besseren.
„Geht schon mal vor!“
Nach einer Verwirrungssekunde setzten sich Paul und Dominique in Bewegung. Nicht ohne mir letzte, wütende Blicke zuzuwerfen, die mir eine Menge Ärger versprachen. Lustig eigentlich, denn egal, wie diese Konfrontation ausging, eine Menge Ärger würde ich ohnehin bekommen.
Jonahs Blick folgte seinen beiden Kameraden, bis sie um die nächste Ecke und auf den Hauptflur gegangen waren. Erst dann wandte er sich wieder mir zu.
„Also?!“ Immer noch wirkte er unbeschreiblich lässig und sich ärgerlicherweise keinerlei Schuld bewusst. „Sie haben dich wieder auf die Normalsterblichen losgelassen?“
„Wie dich?“
Er lachte leise, und der Ton sandte einen weiteren Schwall Adrenalin durch mein System. Selbst meine Fingerspitzen kribbelten, als er mich von oben bis unten begutachtete.
„Die Strafe scheint dir gut bekommen zu sein … du siehst gut aus!“
Nervosität mischte sich unter mein aufgekratztes Ich, und der Teil meines Verstandes, der immer – wirklich IMMER – ruhig blieb, analysierte, dass diese Begegnung nicht so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte. Zeit abzukürzen!
„Du hast etwas, das mir gehört!“
Jonah schenkte mir ein Lächeln, das einen Hollywoodstar neidisch machen konnte. Strahlendweiße Zähne zeugten entweder von einem tollen Zahnarzt oder von verdammt guten Genen. Ich hätte ihm ersteres gegönnt, tippte aber auf letzteres. Die Welt war einfach nicht fair.
„Etwas, was jetzt mir gehört!“
Er stritt es nicht ab. Auch nicht, dass er sie noch hatte. Jetzt kam es darauf an. Einatmen, halten, halten, halten … erst nachdem ich mir vollkommen sicher war, dass ich unter allen Umständen ruhig und überlegen bleiben würde, entließ ich die Luft mit einem zischenden Geräusch.
„Willst du es wirklich darauf anlegen?“
„Auf eine Leibesvisitation?“ Sein Lächeln wuchs in die Breite, und für einen Moment lang war ich sprachlos. Auch wegen des prüfenden Blickes, den er über mich gleiten ließ. So, als spiele er wirklich mit dem Gedanken, eine Leibesvisitation durch mich könne ihm Spaß bereiten. Ich hatte mit Wut gerechnet, mit Aggression und verbalen Tiefschlägen – aber nicht mit erotischen Avancen. Ein Fehler, denn das Adrenalin schien sich unter seiner Aufmerksamkeit in flüssige Hitze zu verwandeln. Emotionen, die ich nicht einordnen konnte, brannten durch meine Adern und die kleinen Haare auf meiner Haut richteten sich auf. Als spürte Jonah meine plötzliche Unsicherheit verzogen sich seine Lippen weiter, bis das Lächeln beinahe echt wirkte. Es war weniger provokant, aber noch gefährlicher für meinen ohnehin eher fragwürdigen Seelenfrieden.

Jean Sarafin stammt ursprünglich aus Wellington. Mit zehn Jahren ist sie mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester Daria ins Ruhrgebiet gezogen, wo sie noch heute lebt. Gemeinsam mit ihrer Schwester, mit der sie zurzeit an einem SciFi-Abenteuer arbeitet, hat sie früh das Schreiben für sich entdeckt. „Die Traumtagebücher“ ist eine deutsche Erstveröffentlichung.